Gespräche
mit Gott

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Rainer  *1936

Pensionierter Bäckermeister

Ich sagte zu Gott: "Putz dir Mal die Ohren!

Hörst du mich nicht mehr?"  

Mit Gott zu streiten, half mir mit der

Ohnmacht umzugehen 

Unser Haus stand weit oberhalb des Dorfes am See, wo mein Vater als Gemeindeschreiber tätig war. Ich wuchs mit fünf Geschwistern auf. Wir hatten kein fliessendes Wasser, mussten uns Sommer und Winter am kalten Brunnen vor dem Haus waschen. Es härtete uns ab, denn wir waren selten krank. 

Ich erinnere mich gerne daran, wie mich mein Vater samstags zu einem Spaziergang in den Wald mitnahm. Ich fühlte mich wie einen Verbündeten, wenn er von seiner Arbeit bei Gemeinde erzählte, mich um meine Meinung zu den Geschäften und eine Prognose für die Beschlüsse der kommenden Gemeindeversammlungen bat. In seiner Schreibstube hatte ich meinen festen Platz an der Seite des Tisches. Wenn meine Vorhersagen zutrafen, schob er mir eine Tafel Schokolade an meinen Platz. Wenn er Recht behielt, blieb sie auf seinem. So ging die Tafel ein paar Monate hin und her, bis wir sie in die Küche hinuntertrugen und mit dem Rest der Familie teilten. Mein Vater war wegen seiner Verschwiegenheit ein angesehener Mann, manch einer ersuchte ihn um Rat. Diskretion und Beobachtungsgabe sind das Erbe meines Vaters, das ich verinnerlicht habe. Wir hatten es gut zu Hause. Besonders meine Schwester Martha stand mir sehr nahe. Ich hielt es mit der Ordnung nicht immer gut. Bis es meiner Mutter zu viel wurde. Sie leerte meinen Spind, hiess mich alle meine Kleider ordentlich versorgen und sagte: «Du wirst eines Tages an mich denken

Mit dem Schuleintritt begann ein langer Leidensweg. Ich war Linkshänder und zur damaligen Zeit war es üblich, diese Laune der Natur den Schülern auszutreiben. Mein Lehrer fesselte meinen linken Arm mit Stricken an die Bank, bis die Wunden bluteten. Schlimmer noch waren die Schläge mit dem Lineal auf meinen Kopf. Nicht nur, dass es schmerzte, er mich vor der ganzen Klasse blossstellte, ich sah danach Doppelbilder und begann zu schielen. Ich wurde wegen des Schielens zum Gespött. Als ich aufmüpfig wurde und mich wehrte wurde alles schlimmer. Der Pfarrer meinte, ich sei von einem schlechten Geist besessen. Die Schmerzen im Augenhintergrund gingen nie mehr weg. Und die seelischen Schmerzen auch nicht. 

Der Lehrer wurde nie zur Rechenschaft gezogen und niemand hielt zu mir. Es gab Momente, da hätte ich zum Mörder werden können. Ich verstummte, zog mich immer mehr in meine Innenwelt zurück und fand zum Glück am Ufer des Sees zur Ruhe. Stundenlang sass ich dort und hielt ich mit Gott Zwiesprache. Er hörte mir zu. Das richtete mich innerlich auf. Die geistige Kraft wurde meine Strategie, mit aller Ungerechtigkeit und den Schwierigkeiten meines Lebens zurechtzukommen.

 

Trost fand ich auch bei meiner jüngeren Schwester Martha. Sie war etwas Besonderes. Mit ihrer Kraft und Liebenswürdigkeit war sie meine Zuflucht. Darum war dann ihre Diagnose, die festgestellt wurde, nachdem sie beim Sport plötzlich die Arme nicht mehr heben konnte, eine grosse Erschütterung. Sie hatte unheilbare Leukämie. Da sie so beliebt war, kamen Menschen von weit her, um sie zu besuchen. Das Bild bringt mich trotz aller Bitterkeit heute noch zum Schmunzeln; die Leute pilgerten regelrecht zu Martha ans Krankenbett. Sie war es, die anderen Trost spendete. Nicht umgekehrt. Ich sass an ihrem Bett, als der Todesengel sie abholte. Danach stellten wir jeden Sonntag einen Blumenstrauss und eine Kerze auf ihren Platz am Küchentisch. Daran hielt ich lange fest, auch wenn mich meine Geschwister immer aufzogen mit «Ach du mit deiner Martha!». Martha verliess mich nie ganz. Ich trage sie heute noch in meinem Herzen, denn sie stand mir bei, bei allem, was nachher kam. In der Trauer waren andere handlungsunfähig. Ich erkannte die Prioritäten und regelte die Dinge, die erledigt werden mussten. Nicht um mich hervorzutun, sondern, weil ich es einfach konnte. So nahm ich den Platz des Machers ein. Es brachte mir zeitlebens den Ruf ein, dass ich anpackte und dass man sich auf mich verlassen konnte.

Ich lernte Bäcker und liebte diesen Beruf. Meine liebe Frau schenkte uns zwei Kinder und bald hatte ich eine eigene Bäckerei. Mein Leben war beschaulich und schön, bis ich von einem Tag auf den anderen bei einem Sehsturz das Augenlicht verlor. Ich musste in der Folge meine ganze Existenz aufgeben und von null anfangen. Mit Tränen in den Augen erinnerte ich mich an meine Mutter, als ich am ersten Tag im Blindenzentrum meinen Spind einräumte. Das Blindenheim wurde zu meiner Lebensschule. Ich bekam endlich Anerkennung für mein Unrecht, das mir als Kind widerfahren ist und Unterstützung, mit der neuen Realität zurechtzukommen. Eine Neurologin erkannte die Zusammenhänge der Hiebe und meinem Sehverlust. Ein Seelsorger ermutigte mich, mich zu öffnen und Gedichte vorzutragen. Dank ihm lernte ich, meine antrainierte Schüchternheit wieder abzulegen und frei zu sprechen. Es gab einige, die mein Schicksal teilten, die Suizid begingen. Ich entschied mich fürs Leben, als ich die eine Zeile aus dem Vaterunser «Und führe uns nicht in Versuchung», verstanden hatte. Denn auch der Freitod ist eine Versuchung. Ich sprach zum Schöpfer: «Ich nehme die Lektion an, auch wenn sie noch so bitter ist.»

Mein Vater haderte mit meiner Blindheit. Er zerbrach meinen ersten Blindenstock. Vielleicht war es ein Ausdruck für sein schlechtes Gewissen, dass er sich nicht für mich eingesetzt hatte, obwohl er die Macht im Dorf gehabt hätte. Ich lernte zu kochen, die Betten zu machen, einzukaufen. Und so kam es, dass meine Frau und ich die Rollen tauschten. Ich machte den Haushalt, während sie ausser Haus arbeitete. Ich bin übrigens ein Romantiker, ich mag Kerzenlicht sehr gerne in der dunklen Jahreszeit. Der Kinder wegen sind wir im Alter in ihre Nähe gezogen. Ein Oberschenkelhalsbruch führte dazu, dass ich nicht mehr selbständig zu Hause wohnen konnte und verbrachte ein Jahr lang in einem Heim. Dort erlebte ich den ersten Lockdown und Quarantänen. Mich beelendete mehr das Jammern der Mitbewohner als Covid und ich versuchte stets Fröhlichkeit und Zuversicht zu verbreiten. 

Als ein Platz in einer anderen Residenz frei wurde, freute ich mich sehr, da ich wieder näher bei meiner Frau und meinen Kindern mit ihren Familien zu wohnen kam. Was dann folgte, stellte mich noch einmal arg auf die Probe. Kaum eingezogen wurden wir auf den Zimmern isoliert, weil auf der Wohngruppe Covid-Fälle vorkamen. Das Ankommen war sehr schwierig, umso mehr mir nicht an alle Informationen zugetragen wurden. Die Schreiben konnte ich ja nicht lesen. Ich klage nicht an, alle waren unter diesen dramatischen Ereignissen sehr angespannt, doch die Einsamkeit auf dem Zimmer möchte ich nie mehr erleben. Die Männer, mit denen ich mich gerade angefreundet hatte, sind an Einsamkeit gestorben, nicht an Corona. Das ist meine Meinung. Mein Zimmernachbar ist verrückt geworden. Ich möchte das nie mehr miterleben, wie jemand so leidet. Und ich hörte durch die Wand des Nachbars letzten Schrei. In jener Nacht, als so viele gestorben sind, hörte ich den Todesengel durchs Haus und durch mein Zimmer rauschen. Ich kannte ihn, weil er ja Martha mitgenommen hatte. 

In diesen einsamen Tagen habe ich oft mit meinem Gott gehadert: «Putz dir mal die Ohren! Hörst du mir nicht mehr zu? Was soll das mit all den Toten? Und gäll, mich hast du nicht erwischt!» Mit Gott zu streiten und ihn herauszufordern half mir streckenweise mit der Ohnmacht umzugehen. Warum er mich verschont hat, weiss ich nicht, aber es wird seinen Sinn haben. Wie alles im Leben einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nicht auf Anhieb begreifen. Ich wünsche mir, mich mit anderen Bewohnerinnen und Bewohnern austauschen zu können, um das Erlebte verarbeiten zu können. Ich würde auch gerne dabei helfen, einen Gesprächskreis zu initiieren. Aber ich bräuchte Hilfe dabei. Und ich wünsche mir, dass man mich als normalen Menschen behandelt und anspricht, auch wenn ich blind bin. 

Februar 2021 / Rainer lebt in einem Seniorenheim in der Ostschweiz