top of page

Es Puurebüebli* und Künstliche Intelligenz


Diesen Januar löschte ich meine Facebook und Instagram Accounts nach 15 Jahren. 2009 war ich nach dem Umzug in eine andere Region mit drei Kindern ans Haus gebunden und vermisste mein altes Netzwerk sehr. Die sozialen Medien wurden meine Brücke zur Aussenwelt und mit dem Publizieren der heute sieben Bücher zu einer wertvollen Plattform im Austausch mit meinen LeserInnen.


Es schlichen sich letztes Jahr lästige Stalker in mein Feld und der Coaching- und Selbstoptimierungswahnsinn in meiner Timeline fand ich nur noch verstörend. Meine inspirierenden Lieblingsseiten musste ich beim ständig wechselnden Algorithmus wie Muscheln unter Schwemmguthügeln richtiggehend suchen. Ich verlor die Lust am einst geschätzten Medium. Und überhaupt, wer steckte hinter jedem der 3000 Kontakte? Jedes Blümchen- oder Hündchen-Profil zu checken war mir dann doch zu blöd. Und die Entscheidung, die beiden Profile zu löschen wurde zum Befreiungsschlag.


Die Medienpause ist grossartig. Noch immer lasse ich die Welt aussen vor und nutze die Zeit für eine innere Generalüberholung. Nicht nur die Wohnung wird entrümpelt, auch mein analoges soziales Feld darf lichter werden. Drängend ist mir ein digitales Ausmisten, um mich für die angekündigte Technologie-Revolution zu wappnen. Ich blicke der künstlichen Intelligenz relativ gelassen entgegen und ich begrüsse Automatisierung für alle repetitiven, lustlosen Abläufe. Für schnelle Illustration und Texte taugt KI durchaus. Und doch bleibe ich Mensch Gemachtem treu. Das analoge Foto von unserem Vater als Knabe entstand um 1935 herum. Springt da einem nicht der Lausbub aus dem Bild entgegen? Da ist Seele und Geschichte drin. 


Mensch bleibt Mensch. Mit allen Sinnen, Übersinnen und der Lust auf eigenes Erschaffen. Barfusslaufen, aus voller Kehle singen, Verknalltsein, Schlafen unterm Sternenhimmel, eine Geschmacksexplosion im Mund, der Geistesblitz über einer komplexen Aufgabe, das Pflücken einer reifen, selbst angepflanzten Tomate - das alles ist erLEBEN. Da bleibt KI auf der Strecke. Die Frage ist, WIE wir Technologie smart nutzen, um die Wellen Richtung Zukunft zu surfen. 


Grad sehr beglückend sind zwei neue Biografien.


Meine deutsche Kundin Marie stiess im Nachlass ihrer Grossmutter auf drei Bundesordner. Darin abgeheftet ist der Briefwechsel zwischen dem Urgrossvater, einem Steuerberater im Dritten Reich und seinem Freund, einem jüdischen Kaufmann. Der floh rechtzeitig vor dem Holocaust nach Argentinien. Nachkommen aus beiden Familiensträngen arbeiteten parallel ihre Geschichten auf und erfuhren über das jüdische Museum in Berlin voneinander. Sie sind jetzt über die Kontinente in Austausch und ich darf sie begleiten. Was für ein historisches Zeitzeugnis! 


Die Schweizer Kundin Clara ist eine 93-jährige Bäuerin. Ihr zu lauschen, macht mich demütig. Frauen wie sie, die stoisch Wind und Wetter und Unbill trotzen, Menschen kommen und gehen sehen, die einfach weitermachen; sie sind die Stützen und Heldinnen unserer Gesellschaft. Wie wundervoll ist es, mit ihr nach einer Erzählstunde aus vollem Hals "Es Puurebüebli

* mag i nid" zu singen. Es fegt die Trauer über schmerzhafte Verluste nicht weg, aber zaubert der weisen Frau ein spitzbübisches Lächeln ins Gesicht. Und auch das kann keine KI!


*Puurebüebli - Bauernbub

17 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Comments


bottom of page