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Welt Wunder | Petra | #4

Aktualisiert: 5. Apr. 2023





Von Petra sah ich immer wieder Bilder und die Stätte gehörte zu den Orten, die hoch oben auf meiner "Möchte-ich-gerne-sehen-Liste" stand. Für Jordanien braucht es ein Visum und mit dem Jordan Pass kann man sich Petra und andere Kulturstätten dazubuchen.


Als ich ankam, verschlug mir die Touristenflut den Atem und ich bereute, den Dreitagespass gekauft zu haben. 3000 – 4000 Touristen wälzen sich täglich durch den Canyon. Im Frauenschlafsaal des Hotels untergekommen, beruhigten mich die drei anderen, es lohne sich auf jeden Fall, wenn man die Stätte an Randzeiten besucht und die Trails abwandert, die hoch hinausführten. Zum Wandern bin ich in den Nahen Osten gekommen, also schnürte ich meine Wanderstiefel.


Tatsächlich sind es die Schuhe, die die Spreu vom Weizen trennen. Adilettentouristen werden aus Bussen ausgespuckt, latschen im Tal einem Guide den Hotspots nach und kehren wieder zurück in den klimatisierten Herdentransporter. Die gut besohlten erklimmen die steilen Pfade und werden mit Rundblick, Prachtstempeln, in die Felsen gehauene Häuser und dem Farbenspektakel des Gesteins belohnt. Dort oben hört man Vögel singen, eine Hirtenflöte, tief unten vom Tal Kamele röhren, das Sprachengewirr wie zu Babel und Pferdehufe auf Felsgestein. Beim Ritualplatz kniete ich nieder und verneigte mich.


Nabatäer meisselten vor rund 2200 Jahren eine Festung in die Shara Berge im Süden Jordaniens. Um Christi Geburt war Petra eine wichtige Station auf der Handelsroute zwischen Mesopotamien und Ägypten. Es gibt Mythen und Rätsel um die Nabatäer und ein Guide sagte mir, dass erst 60 % der Stätte entdeckt und erforscht wurden. Petra gilt als eines der neuen sieben Weltwunder.


Ich bin eine Touristin und tausche mich mit anderen globalen Nomaden aus. Die meisten verhalten sich anständig. Andere zum Fremdschämen respektlos. Schlechtes Gewissen bereitet mir der Abfall und der Wasserkonsum und macht mich zum Teil eines Problems. Jordanien pumpt aus dem Grundwasserreservoir unter der Wadi Rum Wüste ins ganze Land. Wenn sich eine Reisende beschwert, dass die Dusche kalt ist und nur tröpfelt, denke ich: „Schau dir doch die Welt vom Sofa aus auf YouTube an.“ Ich finde die Idee des virtuellen Reisens mit 3-D Brille inzwischen eine taugliche Alternative für die Horizonterweiterung. Auch wenn es nie die sinnliche Erfahrung einer Kulturreise ersetzen kann. Ein wenig schlechtes Gewissen ist mein ständiger Begleiter.


Und doch; Einheimische leben vom Tourismus. Es ist ein Markt. Das Land lebte schon immer vom Handel. Suleyman ein Hostelmanager, ist eigentlich Arabisch Professor. Die Arbeitslosigkeit ist wegen der Zuwanderung von den kriegsvertriebenen Irakern, Syrern und Palästinensern hoch. Wer bei Militär, Polizei, einem Amt und im Tourismus unterkommt, ist gesegnet und versorgt ganze Sippen. Suleyman hat siebzehn Geschwister von zwei Müttern. Sechs Geschwister sind durch Krankheit und Unfall verstorben, ebenso der Vater. Da muss Suleyman und seine Brüder schauen, wie die Familie versorgt wird. Es sind vorwiegend Männer im öffentlichen Raum. Einheimische Frauen bekomme ich kaum zu Gesicht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Viele sind tatsächlich verhüllt. Aber ich hüte mich, zu werten.


Ich bringe als Vertreterin meiner Kultur einzig eine andere Sichtweise, werde dafür auch respektiert und lausche im Gegenzug interessiert den Schilderungen und Werten meiner Gastgeber. Auch das ist ein Tauschgeschäft und Teil der Lösung. Völker- und Kulturverständigung ist mein Antrieb, überhaupt, die bequeme Stube zu verlassen. Zu beobachten, welch unzählige Möglichkeiten der Lebensgestaltung es gibt, weitet meinen Geist und gibt mir ein Gefühl einer Menschheitsfamilie. In Anbetracht der globalen und klimatischen Herausforderungen können wir uns Rechthaberei eigentlich gar nicht mehr leisten.


Jordanien entfaltet sich mir allmählich. Zu Beginn der Reise kämpfte ich mit Angstdämonen, die aus Winkeln aus mir herauskrochen, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt. Sie haben sich geschlichen, mucken nur kurz auf, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Wie der Handyverlust in der Wüste. Darüber erzähle ich demnächst.


(8.-10. März 2023 | Jordanien)



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2 Comments


Danke für diesen tollen Einblick in deine Reise und die wertvollen Gedanken. 😘

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Danke für jeden Einblick, deine Zeilen und fie stimmigen, farbenfrohen Bilder erfüllen mein Herz mit Freude, Demut, Respekt und Dankbarkeit. Reise gut weiter, ich bleib dran auf deinem Weg, Barbara

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