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Meer Liebe | Aqaba | #6

Aktualisiert: 5. Apr. 2023

Meer geht immer, dachte ich, als mir Aqaba empfohlen wurde, obwohl es nicht auf meiner Route stand. Die Handels- und Touristenmetropole liegt am Roten Meer und wird als Tor zur Welt bezeichnet. Das liegt wohl an den Frachtern und Kreuzfahrtschiffen, die in der Bucht ankern. Nach der Klarheit der Wüste von Wadi Rum erschlugen mich Gestank, Schmutz und Lärm der Stadt. In den reinen Laken und Schnuckeligkeit des La Riva Hotels, das in zweiter Reihe des stark frequentierten Strandes lag, fand ich eine Rückzugsoase. Und endlich Gelegenheit nach zwei Wochen meine staubigen und verschwitzten Kleider von Hand zu waschen, die bei fast dreissig Grad im Nu trockneten.


Aqabas klares Wasser und Korallenriffe sind ein Paradies für Schnorchler und Taucher. Bauch an Bauch ankerten Glasbodenboote an der Pier und aller Sorten Männer verführten mich mit lukrativen Angeboten, die ich allesamt ausschlug. Ich mochte mich nicht auf ein Abenteuer mit einem Kerl alleine dem Meer einlassen und Touristenangebote waren mir zu teuer. So blieb mir der Landgang und das mich Einlassen auf die lärmige Partymeile am Strand. Aus jeder Strandbar drang eine Kakofonie aus Mainstream Pop und arabischer Musik. Schwaden von verkohltem Fleisch, Fischgerichten und Shisharauch hüllte mich ein.


In Aqaba fand ich Schönheit erst auf den zweiten Blick. In den Hinterhöfen überraschten mich schlichte Gärten, aufgehäufte Erde trennte Beete und bildeten mit dem Petersiliengrün ein urschönes Muster. Wie der Gärtner in seinem Feld kauerte und Unkraut jätete lag eine eigene Poesie. Ich fand Schönheit auch in der Beschaulichkeit, wie einheimische Familien zum Sonnenuntergang ein grosses Tuch auf den Sand ausbreiteten und sich dem Meer zuwandten. Während die Kinder am Meeressaum planschten, teilten Eltern und Anverwandte ein Mahl und den neusten Tratsch. Bei Kindern und Frauen geht mir immer das Herz auf und wenn ich mich in respektvollem Abstand dazusetze, entspannt sich in mir alles. Manchmal tauschten wir Mütter ein Lächeln aus.


Auch wenn mich bisher alle Männer auf der Reise mit allergrösstem Respekt behandelten, im Schutz von Frauen kann ich ewig sitzen und schauen. Vor allem Meerschauen – oder Seagazing, wie unsere Familie unsere Lieblingsbeschäftigung nennt. In der Bucht von Aqaba ging die Sonne über dem israelischen Eilat unter. Israel, Ägypten, Jordanien und Saudi-Arabien grenzen an das Rote Meer, das ich 1988 auf einem Frachter querte, als ich auf dem Weg nach Australien war.


Ich schwelgte in der Beschaulichkeit der Abendstimmung in den Erinnerungen an meine erste grosse Reise in die Welt, die ich mit zweiundzwanzig antrat und die den Initialfunken für meine Meer- und Weltenliebe zündete. Ich blickte um mich und freute mich an der Gesellschaft der anderen Menschen. Wir tauschten uns nicht aus, aber wir feierten einvernehmlich die Schönheit und Schlichtheit des Abends. Einheimische oder Fremde - den Gezeiten von Sonne und Meer ist es einerlei.


Die Seereise von 1988 hielt in der autobiografischen Erzählung Seemannsgarn fest. Nie im Leben hätte ich für möglich gehalten, dass mein Erstling mich zur Schriftstellerin machen und noch weitere sechs Publikationen folgen würden.


Seemannsgarn gibt es als Taschenbuch / E-Book

oder als Lesung von mir eingesprochen auf Spotify

Überblick aller bisher erschienen Bücher und im Buchshop


(12.-13. März 2023 | Jordanien)












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D a n k e jedes Mal für deine Zeilen, für dein neugieriges, offenes Wesen, deine Reisen helfen mir selbst meine „Freiheit“ zu leben.

Barbara Prinz

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