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Marcel, *1969 

Vom Heimbuben zum Geschäftsführer

Dem siebenjährigen Marcel würde ich sagen: «Es kommt schon gut.

Mache es so, wie du es für richtig hältst.»

«Wenn ich mich dreinschicke, es einmal richtig mache, ist es erledigt!»

 

Ich stand am Fenster der Nachbarn und sah zu, wie das Auto mit meinen Eltern und den beiden Brüdern nach Italien in die Badeferien wegfuhr. Ich musste ein Schulkind gewesen sein und es ist die früheste Erinnerung, die ich habe. Als ich ein Jahr alt war, trennte sich meine Mutter von meinem leiblichen Vater und ging eine andere Beziehung ein. Ich war fünf, als meine Halbbrüder als Zwillinge zur Welt kamen. Gerichtliche Urteile fielen zur damaligen Zeit sehr hart aus und so bekam mein leiblicher Vater das Besuchsrecht, nur einmal im Monat einen Sonntagnachmittag mit mir zu verbringen. Er holte mich immer ab und wir unternahmen etwas, weil ihm die Kontaktpflege immer sehr wichtig war. 

 

Meiner Mutter war Frisörin, zog Hunde auf und setzte uns Kinder an letzte Stelle. Meine Halbbrüder kamen mit fünf Jahren ins Heim. Ich blieb mit der Mutter und dem Stiefvater. Wir wohnten in einem Block im Stil der Siebzigerjahre an einer wunderschönen Lage. Links und rechts war Wald. Die Wiese grenzte an die Autobahn Bern-Zürich und auf der anderen Seite lag die Limmat. Ich erinnere mich nicht, ein Kuscheltier gehabt zu haben. Ich schaute verbotenerweise fern. Sehr viel. Das Fernsehgerät konnte abgeschlossen werden, doch ich wusste, wo der Schlüssel lag. Wenn meine Eltern merkten, dass der Röhrenfernseher heiss war, gab es Ärger. Ich fühlte mich nie einsam, denn ich konnte mich immer gut selber beschäftigen. Ich war ein lebendiger, unternehmungslustiger, Junge und beliebt in meiner Klasse.

 

Weil ist chronisch unter Migräne litt, wurde ich von einem Arzt zum andern gereicht und kam schliesslich in ein Erholungsheim nach Davos zur Kur. Die Heimleiterin war eine alte verbitterte Tante mit Holzbein, doch zum Glück war meine Lehrerin sehr nett. Mir gefiel es, nur halbtags Unterricht zu haben und am Nachmittag Ski zu fahren. Während meiner Abwesenheit musste einiges bei meinen Eltern schiefgelaufen sein, denn statt nach Hause, kam ich in ein anderes Heim. Ich fühlte mich von meinem Stiefvater verraten, der sein Versprechen nicht gehalten hatte. Statt von ihm wurde ich von einem Zürcher Sozialarbeiter abgeholt, der mich in ein Heim für Schwererziehbare - diese Bezeichnung fand ich später im Telefonbuch heraus - brachte. 

 

Im Internat lebten Buben von der vierten Klasse bis Schulaustritt. Es gab Schulhaus, Turnhalle, Hallenbad und vier Wohnhäuser zu zwei Gruppen. In jeder wohnten bis zu acht Kinder, die sich wie in einer Familie organisierten. Das Schlimme war, nach einem langen Schultag Tag neben den Hausaufgaben noch "Ämtli" (Anm. Hausarbeit) erledigen zu müssen. Nach dem «Wellnesshotel» Davos kam ich mir vor wie in einer «Strafanstalt».

 

Ich verbrachte meine ganze restliche Schulzeit dort und fuhr nur jedes zweite Wochenende im Turnus zum Vater oder zur Mutter nach Hause. So sah ich einen Elternteil immer nur einmal im Monat. Zu Beginn war alles schwierig. Schulstoff zu pauken, war mir nie wichtig und unter diesen Umständen war ich noch weniger motiviert zu lernen. Ich bin mehr der Praktiker und Teamplayer. Es herrschten Altershierarchie und Faustrecht unter den Buben. In den ersten Monaten war ich der kleine, freche Junge, der ständig eins aufs Dach bekam. Wenn du deine Ämtli nicht gut erledigtest, musstest du es wiederholen. In der ersten Zeit blieb ich bei jeder Hausarbeit vier Wochen statt einer hängen. Irgendwann ist bei mir ein Licht aufgegangen: «Wenn ich mich drein schicke, es einmal richtig mache, ist es erledigt!» Das wurde zu meinem Lebensmotto. Danach entwickelte ich mich zum Musterknaben. Im Nachhinein war das Internat gut für mich. Es gab mir Halt und Struktur. Ich weiss nicht, ob ich mich in meinem zerrütteten Elternhaus gleich gut entwickelt hätte.

 

Ich fand nach dem Heim eine Lehrstelle als Automonteur in einer Jaguar Garage, «seuchte» die Ausbildung beim mühsamen Lehrmeister durch und lebte bei meinem Vater und seiner Frau. Die Arbeit gefiel mir nicht besonders. Das Einzige, was mich faszinierte, war die Elektronik. Schule wurde plötzlich Erholungszeit vom Lehrbetrieb und ich mauserte mich zum besten Schüler. Parallel zur Lehre besuchte ich die SLRG (Anm: Schweizerische Lebensrettungsgesellschaft), absolvierte den Rettungsschwimmer und wurde später Sektionspräsident der SLRG. 

 

Nach der Lehre wechselte ich zum Touring Club Schweiz TCS, weil ich es eine coole Sache fand. Als Patrouilleur arbeitete ich mehr als drei Jahre bei der Pannenhilfe. Ich bin nicht extrem ehrgeizig. Wenn ich etwas möchte, gehe ich entspannt, aber selbstsicher an die Sache und schaffe es meist. Ich habe ein Grundvertrauen, dass die Dinge sich zu meinen Gunsten entwickeln und wenn nicht, ist es nicht mein Weg. Beim TCS ging es darum, das Auto fahrtüchtig instand zu stellen, aber auch die in Not geratene Menschen zu unterstützen. In den Achtzigerjahren waren Frauen mehrheitlich noch nicht so bewandt mit Technik und gaben sich unbeholfen. Es fehlte ihnen an Selbstvertrauen und Praxis. 

 

Mich interessierte immer der Mensch und was bei Unfällen zu tun ist und fuhr später beim Rettungsdienst als Ambulanzfahrer. Oft blieb ich auf der Notfallstation, packte an, wenn jemand gebraucht wurde. Diese Handlangerdienste erbrachten mir Vertrauen beim Personal und ich bekam zu hören: «Den Marcel kann man brauchen». Ich fand dieses Arbeitsumfeld hoch spannend und lernte stetig Neues dazu. Daraus erwuchs mein Wunsch, selber Rettungssanitäter zu werden.

 

Ein Rettungssanitäter riet mir davon ab, weil es mich beruflich in eine Sackgasse führen würde, ich sollte mich besser als Krankenpfleger ausbilden lassen. Rettungssanitäter war zu dieser Zeit noch kein anerkannter Beruf. Damals hatte ich das Bild der Krankenschwester aus der Schwarzwaldklinik im Kopf und konnte mich als Automechaniker mit schmierigen Händen überhaupt nicht in weissen Arbeitskleidern vorstellen. Doch mit Anästhesiepfleger als Berufsziel wählte ich dann doch die Krankenpfleger Ausbildung. Meiner Meinung nach waren dazumal die Anästhesiepfleger die Fachkräfte, die bei der Rettung am meisten Bescheid wussten und fand den Beruf erstrebenswert.  

 

Während der Ausbildung zum Krankenpfleger bekam meine Mutter Lungenkrebs. Sie hatte viel geraucht und in den Salons über Jahre Chemikalien eingeatmet. Auf Hochsteckfrisuren spezialisiert, die mit Haarlack drapiert wurden, hatte sie jahrelang im Spraynebel gestanden. Wenige Tage vor meiner Diplomierung verabschiedete ich mich von ihr, als hätte ich gewusst, dass sie stirbt. Sie schaffte es nicht mehr zu meiner Diplomfeier.  

 

Über alle Jahre gab es diverse Beziehungsgeschichten. Im Bubenheim machte ich erste intime Erfahrungen mit Jungs, die ich nie bereute. Man wusste zwar, dass es verboten war, doch es passierte einfach. Ich schämte mich, doch insgeheim fand ich es auch nicht schlimm. Für Männer empfand ich immer tiefe Freundschaft und probierte mit ihnen Sachen aus.  Während der Arbeit als Krankenpfleger zog mich eine Frau in Bann. Als wir in dieselbe Abteilung eingeteilt wurden, verliebte ich mich unsterblich in sie. Wir kamen uns näher, sie wusste um meine Erfahrungen mit Männern, aber es war für uns beide kein Thema mehr. Ich liebte sie über alles und investierte alles, damit wir ein Paar wurden. Wir zogen gemeinsam ins Engadin, wo sie als Hebamme und ich als Anästhesiepfleger und Rettungssanitäter arbeiteten. 

 

Danach ging es Schlag auf Schlag. Wir heirateten und kurz darauf kam unser erster Sohn zur Welt. Ich war sehr zufrieden, liebte meinen guten Job, meine Frau und das Kind. Alles war in bester Ordnung. Erst als mein Chef aufhörte, wurde es beruflich zäh. Für die Chefposition war ich zu jung und anderweitig sah ich im Engadin keine Entwicklungsmöglichkeiten. Wir zogen in der Folge ins Unterland und erwarteten bereits das zweite Kind. Meine neue berufliche Position als Pflegeleiter von Anästhesie und Aufwachwachraum in einer Klinik war eine grosse Herausforderung. Weil ich beruflich so eingespannt war, entging mir, dass meine Frau nach der Niederkunft eine Wochenbettdepression bekommen hatte. Als wir das dritte Kind erwarteten, organisierte ich einen Monat Auszeit, um eine weitere Erschöpfung zu verhindern.

 

Sie hätte sich noch mehr Kinder gewünscht, ich konnte mir das einfach nicht vorstellen und so zerbrach etwas zwischen uns. Den Graben vertiefte, dass ich den sicheren Job wegen Wortbruch meiner Vorgesetzten kündigte. Als Freelancer im Rettungsdienst und der Anästhesie war ich sehr gut ausgelastet und verdiente gut für die Familie. Es bestätigte meine Selbstsicherheit, dass ich mit meinen Ausbildungen immer Arbeit finde. Unsere Ehe liess sich trotz Mediation nicht mehr kitten. Aber als Eltern waren wir ein perfektes Team und Gefährten. Unser Fokus lag darauf, dass es den Kindern gut ging, 

 

Einmal begleitete ich einen Geschäftspartner ins Kino nach Zürich. Der Film Slumdog Millionaire machte mich fertig. In dieser angeschlagenen Stimmung wollte ich nicht sofort heimkehren und schlenderte planlos der Limmat entlang und durchs Niederdorf. Drei Männer kamen mir entgegen. Einer fiel mir auf, unsere Blicke blieben kurz ineinander hängen, wir setzten unsere Wege jedoch fort. Dann hielten er und ich gleichzeitig inne, drehten uns um und wir betrachteten uns aus Distanz. Wir näherten uns, schauten uns weiter unverhohlen an, bis ich fragte: «Kennen wir uns?» Er verneinte und ich so: «Ja und jetzt?» Er antwortete: «Keine Ahnung.» Spontan wie ich bin, sagte ich «Gehen wir eins trinken?» Er willigte ein und schlug vor, in einen angesagten Club zu gehen. Ich willigte ein, sagte aber auf dem Weg direkt heraus: «Du gäll, ich bin verheiratet und habe drei Kinder.» Er meinte nur: «Kein Problem.» Es hatte uns an diesem Abend einfach beide erwischt. 

 

Wir trafen uns danach heimlich. Es vertiefte sich immer mehr und wir lebten eine Affäre. Mich plagte gegenüber meiner Familie ein schlechtes Gewissen und nachdem ich es meiner Frau gestanden hatte, suchten wir einen Therapeuten auf. Ich zog erst auf Probe und schliesslich ganz aus, weil wir als Paar einfach nicht mehr zueinander fanden. 

Nach einem Intermezzo bei einer Stellenvermittlung in der Medizinbranche gründete ich meine eigene Firma, vermittelte mich selber als Freelancer und wurde beim ersten Kunden, bei einer der Tageschirurgie Geschäftsführer. Wegen eines blöden Fehlers, den ich sehr bereue, wurde ich entlassen. Das erste Mal in meinem Leben. 

Als Betriebsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung in einer Chirurgie begann ich nebenberuflich ein Studium in Health Administration an der Uni Bern. Es ist einer der teuersten Masterlehrgänge und ich blutete finanziell dafür. Was ich lernte, ist wertvoll. Doch das wahre Knowhow erwarb ich in der Praxis, aus dem Scheitern und Aufstehen. Es drängte mich, mich wieder selbständig zu machen. Ich gründete eine GmbH, leitete einige Projekte. Eines der grösseren Projekte war die Interimsleitung einer Klinik als CEO. In dieser Funktion musste ich leider nach zwei Jahren das Spital schliessen und vierzig Leute entlassen. Covid setzte meiner Beratungsfirma sehr zu, sie läuft ohne Aufträge praktisch auf null. Ich begann Personal zu vermitteln und gründete eine zweite Firma. Es ist eine temporäre Stellenvermittlung für Fachkräfte im Medizinal Bereich. Nebenher arbeite ich wieder in der Anästhesie, um über die Runden zu kommen.  

Dem siebenjährigen Marcel würde ich sagen: «Es kommt schon gut. Mache es so, wie du es für richtig hältst.» Ich bereue nichts. Das Einzige, was mir leidtut, ist, dass ich meine Frau verletzte. Wir hätten uns trennen sollen, als es klar war, dass zwischen uns nichts mehr zu kitten gab. Von meiner Mutter bekam ich auf den Weg, dass immer wieder eine Tür aufgeht. Von ihr habe ich den Durchhaltewillen, auch wenn es nicht einfach ist. Ein roter Faden in meinem Leben, war bestimmt die Verluste und die Herausforderung, Vertrauen zu fassen. Es ist schon etwas, Familie und Geborgenheit zu verlieren. Seit ich mit meinem Lebenspartner eine beständige Partnerschaft lebe und mit ihm zusammenwohne, habe ich ein Zuhause und Zugehörigkeit. Ich fühle mich bei ihm geborgen. Unser Finden war Schicksal und die Hochzeit im Oktober 2022 unser grosses Happy End. Oder besser noch: ein Neuanfang.