Roses
Geschichte 

Vom Bauernmädchen zur Weltenseele

 

Aus heutiger Warte betrachtet, hat sich das Leben einen Scherz erlaubt, mich in das kleine Dorf in der Ostschweiz abzusetzen. Seit ich denken kann, war mir die Welt, wie ich sie vorfand zu klein, zu  laut, halbwahr. Eine Stimme flüsterte stets: "Da ist weit mehr! " Die Betriebsamkeit und der Lärm auf dem Hof war mir meist zu viel des Guten. Dann floh ich mit dem viel zu grossen Fahrrad meiner Mutter zu meinem Lieblingsplatz am Bach, um dem Sprudeln der Quelle oder meinen Gedanken zu lauschen. Ich sah Trolle im Gehölz, Gesichter im Wasser und fühlte mich sehr verbunden mit den Elementen. Auf dem Hof gingen Leute aus dem Dorf ein und aus, weil mein Grossvater Gemeindepräsident war. Und dann natürlich die grosse Verwandtschaft. Ich mochte diese spannenden Besuche. Ich fand heraus, dass, was gesagt und was tatsächlich gemeint war, sich nicht immer deckten. Sehr früh entwickelte ich ein Gespür für Zwischentöne und wurde zu einer scharfsinnigen Beobachterin.

 

Ich verschlang Bücher, mit denen mich zum Glück meine Patin zuverlässig versorgte. Und ich klebte am Bildschirm, wenn der jährliche Concours d’Eurovison de la Chanson ausgestrahlt wurde. Kein Wunder wollte ich Schriftstellerin oder Sängerin werden. Allenfalls noch Pfarrerin. Mich beeindruckten Geistliche, die schlaue Dinge sagten und denen es gelang, Menschen zu berühren und Räume zum andächtigen Vibrieren zu bringen. Doch da zu jener Zeit auf dem Dorf nur tote Künstler und Pfarrersfrauen als Gattinnen vorkamen, beugte ich mich dem Druck und lernte mit verhaltener Begeisterung Kauffrau in der Verwaltung des Kantonsspitals Schaffhausen. Heute verdanke ich der Erstausbildung mein flinkes Zehnfingerschreiben und ein solides Organisationstalent.

 

Ich hatte immer schon den Drang, meinen Horizont zu erweitern. Ein Jahr nach der Ausbildung hatte ich das Geld beisammen, um mir einen großen Traum zu erfüllen: auf die andere Seite der Welt zu reisen. Wenn schon denn schon, ganz gemächlich mit einem Frachter. Ich war sechs Wochen mit polnischen Matrosen auf den Weltmeeren unterwegs. Diese Initiationsreise schenkte mir den Geschmack vom richtigen Lebensgefühl; in die Welt hinauszuziehen und mich überraschen zu lassen, was der Tag an Menschen, Kulturen, Orten und Erlebnissen so bringt. 

Da es mir nicht gelang, in Australien Fuß zu fassen und Geld zu verdienen, musste ich schweren Herzens zurückkehren. Ich fühlte mich danach wie in falschen Schuhen und war orientierungslos. Die französische Schweiz wurde zum gangbaren Kompromiss. Am Genfersee jobbe ich und reiste, wann immer ich genug Geld beisammen hatte. Mit der Liebe handhabte ich es ähnlich. Kein Partner vermochte mich längere Zeit zum Bleiben bewegen. 

 

Goldrichtig kam nach einer verkorksten Beziehung der Ruf, meinen Großvater beim Sterben zu begleiten. Diese Erfahrung war eine Gnade. Als wäre ein Schleier weggezogen worden, bekam ich an der Schwelle des Todes einen Einblick in die andere Seite oder anders ausgedrückt in einen anderen Bewusstseinszustand. Ich konnte wieder an meine petite fugues meiner Kindheit anknüpfen, die mich zum Bach und in Zwischenwelten geführt hatten. Danach wusste ich, dass ich Sterbehebamme werden möchte. Nur gab es zu diesem Zeitpunkt keine Ausbildung in dieser Richtung. Eine medizinische oder klassisch theologische Ausbildung war für mich, die inzwischen verschiedene Religionen und transzendente Strömungen ausprobiert hatte, keine Option. In der Kunsttherapieausbildung fand ich einen Weg, um als künstlerische Hebamme, Menschen durch ihre Stirb- und Werdeprozesse zu begleiten. Auch erfüllte ich mir den Wunsch, meiner Stimme und Unsicherheit mit Gesangsstunden auf die Sprünge zu helfen. 

Durch die Musik lernte ich meinen ersten Mann Gerry kennen. Es war eine ausgelassene Zeit mit unserer Combo in muffig verrauchten Übungskellern und auf regionalen Bühnen. Mit der Geburt der Tochter, dem Wegbrechen von Band und Arbeit fand ich mich mutterseelenallein in einer bahamabeigen Stadtwohnung, während für Gerry die Sause vor der Haustür weiterging. Diese Spannung hielt unsere Ehe nicht aus. Der Befreiungsschlag war eine Anstellung in einem Wohnheim für Körperbehinderte, die mich sehr erfüllte und mich finanziell unabhängig machte. Ich nistete mich mit meiner kleinen Tochter in einer Mädels-WG mit Kater ein und war ganz zufrieden. Dass Matthias mit seiner Gitarre eines Tages vor der Tür stand, mich mit seiner Stimme vom ersten Moment an betörte, war nicht der Plan. Er ist geblieben und aus dieser langen Partnerschaft sind zwei Söhne und unzählige Lieder hervorgegangen, die so allmählich ihren eigenen Weg in die Welt finden. 

Um den Zeitpunkt der Geburt unseres ersten Sohnes arbeitete ich mit über 150 Asylsuchenden. Die Arbeit war ein hoch spannender aber sehr anspruchsvoller Cocktail aus Menschen, Schicksalen und Gesetzen. Als meine Arbeitskollegin auch noch an Krebs erkrankte und unsere Familie nach einer stabilen und weniger belastenden Situation verlangte, gab ich meine Berufstätigkeit schweren Herzens auf. Es gelang mir danach - mit drei Kindern in verschiedenen Lebensstufen, meinem ungeraden Lebenslauf und unflexiblen Arbeitgebern - nie mehr, richtig ins Berufsleben einzusteigen. Der Exkurs in die Lokalpolitik und die Deutschlektionen für Fremdsprachige veranlassten mich, mich in interkultureller Kommunikation und Gemeinwesentwicklung fortzubilden. Doch auch diese Hochschulabschlüsse brachten mir keinen Berufserfolg ein. Bei zweihundert Absagen habe ich aufgehört zu zählen. Es treibt mir auch heute noch Tränen in die Augen, wenn ich an meine unfruchtbaren Bemühungen zurückdenke. Ich frage mich oft, was der Gesellschaft die Ressourcen der Mütter wert sind. 

Zum Schreiben bin ich aus dieser Not gekommen. Mein Geist lechzte nebst der körperlichen Präsenz als Mutter nach Anregung und so begann ich Geschichten und Reiseerlebnisse aufzuschreiben. Die Resonanz erstaunte und beflügelte mich, stets weiterzuschreiben und Lesungen zu halten. 

Vor meinem fünfzigsten Geburtstag bremste mich mein Körper aus und zwang mich, mir die radikalste aller Fragen zu stellen: „Was würdest du tun, wenn du nur noch ein paar Monate Lebenszeit hättest?“  Wie aus der Pistole geschossen kam die Antwort, dass ich am liebsten reisen, die Welt mit allen Sinnen erfahren, wieder an das einstige freie Lebensgefühl anknüpfen möchte. Ich wünschte mir eine Australienreise zum Runden. Mitten im Packen überfiel mich eine Vision aus heiterem Himmel. Ich sah vor meinem geistigen Auge wie ein Hologramm fünf Frauen einer Familie, die mich hießen eine Frauensaga - die Bernstein Saga - zu schreiben. Das tue ich seither. Drei der fünf Bände sind geschrieben, sie schenken mir im deutschsprachigen Raum einen Achtungserfolg und den Status als anerkannte Schriftstellerin. Aus der Recherche für den zweiten Roman Amber ist mein Visionsprojekt #Humanity2069 entstanden. Ich stelle die Frage in den Raum, wie eine gute Zukunft auf diesem Planeten gelingen könnte. 

Mein Einkommensthema war damit bei Weitem nicht gelöst. Ich startete 2020 mit gut konzipierten Kursen und Veranstaltungen hoch motiviert meine Selbständigkeit Kultur & Kommunikation. Bis im März das Virus, das seither die ganze Welt in Atem hält, alle meine ambitiösen Pläne auf einen Schlag zunichtemachte. Dies kam einer Vollbremsung gleich, obwohl ich noch nicht mal richtig Fahrt aufgenommen hatte. Doch das Wunder folgte fast im selben Augenblick: Ich fand eine Anstellung in einem Seniorenheim, wo ich Biografiearbeit, Gedächtnistraining, Malen, Aktivierung und mehr anbot. Dass diese Anstellung unter den erschwerten Corona-Bedingungen ein Initialfunke werden würde, hätte ich mir bei Antritt der befristeten Stelle nicht vorstellen können. 

Es ist dieser Einblick in die Wohnstuben der Senioren, die Bilder an den Wänden, die Gerüche der Stoffe, die Gespräche mit den Bewohnern, die mich beglücken: „Unsere Ältesten haben unglaubliche Schätze zu teilen. Wie können wir diese nur übersehen?“ Aus den Begegnungen und dem geheimnisvollen Anruf von Claudia, einer Frau aus dem Bekanntenkreis, die von mir geträumt hatte, dass ich als Biografin Menschen glücklich mache und Geld verdiene, ist in mir die Klarheit erwachsen, Lebensgeschichten aufzuschreiben. Pralle Leben die von Humor, Kraft und Würde strotzen, müssen der Nachwelt als Quelle der Inspiration zur Verfügung gestellt werden.

Und wer weiß, zu welchen Menschen und Plätzen mich dies führen wird.

Ich lasse mich vom Leben überraschen.