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Tote Hose am Toten Meer | Suwaymah Jordanien | #11

Aktualisiert: 13. Mai






«Gehen sie nicht alleine zu Fuß durch die Gegend“, schrieb mir der Vermieter mit der Buchungsbestätigung. Die Zeile machte mich stutzig und doch blieb mir keine andere Wahl. Die private Ferienwohnung war die einzig finanzierbare trockene Bleibe für die Zwischenetappe auf dem Jerusalemweg am Toten Meer. Ein Zimmer in einem der luxuriösen Hotelresorts am jordanischen Ufer mit Preisen ab 200 Franken die Nacht, konnte ich mir schlicht nicht leisten.


Regen war angesagt und setzte am Abreisemorgen auf dem Mount Nebo ein. Mein Poncho hält eine Stunde Dauerregen aus, aber nicht eine Wanderung von fünf Stunden. Es war eine Mischung aus Angst vor dem einsamen hügeligen Gelände und einer Unlust bis auf die Haut nass zu werden und auszukühlen, die mich bewog, ein Taxi zu nehmen.


Der Taxifahrer fand die Adresse nicht auf Anhieb, der Vermieter lotste ihn am Telefon zum richtigen mehrgeschoßigen Haus des Weilers Suwaymah. Der Wohnblock ragte aus einem Feld nackter Erde heraus, die vom Regen genauso aufgeweicht war, wie der herumliegende Müll. Gekippte, zerbeulte und geschwärzte Metalltonnen erinnerten mich an Szenen aus der Bronx. Darin wurde wohl jegliches angezündet, was brannte.


Die Szenerie wirkte ausgestorben und gespenstisch. Zum Glück bestätigte der Pförtner, dass ich am richtigen Ort war. Über Zimmernummer, Preis und meinen Namen wurden wir uns einig. Sonst sprach der gute Mann kein Wort Englisch und führte mich in die Dreizimmerwohnung im dritten Stock. Als erstes trat ich auf den Balkon und verschaffte mir einen Überblick; Das Tote Meer ein Steinwurf von der Wohnung, im Hof ein Swimmingpool, dessen algengrünes Wasser im Regen wellte, matschige Erde zwischen den verwaisten Häusern und Streuner, die sich unter Büschen zusammenrotteten.


Die Wohnung selbst war funktionell südländisch, ich suchte mir das bequemste Bett aus fünfen aus und die Küche bestand aus einem Wasserkocher. Ich ließ mich aufs Sofa plumpsen, zog die nackten Füße vom kalten Marmorboden hoch, schlug sie zum Aufwärmen unter mein Gesäß und starrte den überdimensionalen Flachbildschirm an. Außer dem Regen, der auf das Wasser im Bassin prasselte, war kein Geräusch zu hören. Ich war mit dem Pförtner alleine im Hochhaus. Dem Hochglanzprospekt, der auf dem Salontisch lag, entnahm ich, dass die Ferienanlage zwanzig Wohnungen und ein Restaurant mit Bar beherbergte. Auf den Fotos schwammen Kinder im Pool und zufriedene Urlauber prosteten mir ihre Drinks entgegen.


Gegen Abend riss der Himmel auf und mich drängte es zum Meer. Deswegen hatte ich überhaupt einen Zwischenstopp hier eingelegt. Alle hatten mir geraten, mir unbedingt das Erlebnis eines Bades im Meer mit dem hohen Salzgehalt zu gönnen. Zum Strand musste ich nur eine in beide Fahrtrichtungen doppelspurige Straße, die mit einem begrünten Mittelstreifen getrennt war, überqueren. Freudig machte ich mich auf und gelangte über einen Pfad, der mit Arabisch und Englisch beschildert war, zum Ziel. Oder vielmehr vor einen zwei Meter hohen Maschendrahtzaun ohne Lücke und ohne Tür. Ich schritt der Abzäunung entlang und kam an einem Hotelkomplex vorbei, der wie ein Hochsicherheitsgefängnis wirkte. Es gäbe keinen, Einlass, keinen Kaffee und keine Mahlzeiten für externe Gäste. Ich könnte gerne morgen wiederkommen und mir ein Tagesticket zum Hotelstrand buchen, meinte der Portier im Wachhäuschen.


Ich schritt mehrere Kilometer das Maschengitter ab, um eine Lücke zu finden. Patrouillierende Polizisten hatten mich bereits im Visier und ich getraute mich nicht, über den Zaun zu klettern. Am Ende war es mein knurrender Magen, der mich umkehren ließ. In einer Bude gab es nur Hot Dogs, Burger und männliche Gäste. Ich mag kein Fleisch, fühlte mich unbehaglich und fragte den Betreiber nach einem Lebensmittelgeschäft. Und weil ich schon dabei war, nach Zugang zu einem öffentlichen Strand. Für beides bekam ich Auskunft. Ich war noch unter der Tür, als mir ein Gast nachlief und mir einbläute, ich sollte auf keinen Fall zu dem empfohlenen Strand gehen, er sei für mich als Touristin gefährlich, er würde mir den Hotelstrand raten.


Im Laden um die Ecke gab es keine frischen Produkte und mit dem Wasserkocher brachte ich die gekaufte Pasta einfach nicht weich. Hungrig fragte ich den Pförtner nach einem Lokal, indem ich mit den Händen Essen dem Mund zuführen und einen leeren Bauch mimte. Er zeigte mir auf einen Flyer auf der Theke und sagte: „Look. Restaurant Scan Me. Good.“ Der abgebildete QR Code funktionierte nicht und mangels Sprachbrücke blieb der Mann im Glauben, dass das Restaurant so heißt.


Konsterniert setzte ich mich auf den Balkon und beschloss den Tag mit einem Mahl aus dem letzten Bestand - einer Avocado, einer Orange und Salzstangen. Die Nacht war, abgesehen von den Hunden, die aus den Büschen gekrochen waren, ihre Reviere mit Gejaule markierten, erholsam.


Neuer Tag, neues Glück. Eine jordanische TV-Soap beschallte die Loge, in der der Portier auf einem Sofa schlief. Vermutlich hatte er die Nacht dort verbracht. Mit Badesachen im Rucksack machte ich mich zum Hotel auf, wo ich mir sagen lassen musste, dass der Hotelstrand an diesem Tag wegen des Wellengangs geschlossen wäre. Mein Kopf ließ es nicht zu, dass ich ohne eine Zehe ins Tote Meer gehalten zu haben, weiterziehe. Also wog ich ab und beschloss trotz Warnung den öffentlichen Strand aufzusuchen.


Ich orientierte mich an der stark befahrenen Hauptstraße und wunderte mich nach drei Wochen Jordanien nicht mehr, dass Dromedare an mir vorbeizogen. Zwei Nomaden auf ihren Pferden boten mir eine Mitreitgelegenheit an, die ich beide freundlich und bestimmt ausschlug. Vor solchen Gefahren hatte mich der Gast gewarnt. Da Polizisten häufig patrouillierten, wähnte ich mich in Sicherheit und schritt mutig weiter.


Und endlich tat sich mir der Zutritt zum Meer auf: Der Strand der Einheimischen. Der Regen hatte tiefe Furchen in die Erde gewaschen, verkokelte Abfallberge auch hier, improvisierte Hütten und dünne, ausgefranste Nationalflaggen, die im Wind flatterten. Wenige Meter neben den Luxuspalästen für Touristen tummelten sich hier wenige Ansässige. Der Wellengang war lächerlich brav und doch war niemand im Wasser. Jugendliche trafen sich zum Rauchen, Männer zum Schwatz und was mich sehr entspannen ließ, einige Frauen zum Picknick! Sie schnatterten fröhlich und ungezwungen unter sich. In muslimischer Vollmontur. Wie verfehlt wäre es gewesen, mich im Bikini ins Wasser zu stürzen. Ich verzichtete den Frauen zuliebe auf das einmalige Erlebnis im Salzmeer zu treiben. Ich verzichtete mir zum Schutz. Mir genügte es tatsächlich wie so oft, zu sitzen und zu beobachten und damit einen winzigen Einblick in das Leben der Einheimischen zu bekommen.

Trübsal zieht Trübsal an und Freude zieht Freude an. Wenn ich in heiterer Gelassenheit losziehe, widerfahren mir die schönsten Erlebnisse. So auch an diesem späten Nachmittag. Ich machte mich nach dem schlussendlich beglückenden Strandbesuch hungrig auf, ein Lokal aufzusuchen, das mir Frau Google empfohlen hatte. Beitsweimeh ist eine Kooperative, die lokale Frauen beschäftigt, um sie zu fördern. Unter anderem bildet sie Köchinnen aus und betreibt ein Restaurant. Ich wurde nicht nur herzlichst begrüßt, sondern auch mit lokalen Köstlichkeiten bewirtet, die mir heute noch das Wasser im Mund zusammenziehen lassen. Wie hatte ich dieses Juwel am Vortag nur übersehen können! Dem Betriebsleiter Daniel schilderte ich meine Beobachtungen. Er nahm den Faden auf und zieht in Erwägung, in Zukunft schlichte Zimmer für Pilger und andere Kulturreisende anzubieten, was am Ende auch den lokalen Frauen zugutekommen würde. Was für eine exzellente Idee! Und was für ein inspirierender Austausch.


Gäste setzten sich an den Nachbartisch und plauderten in Deutsch. Ich sprach sie an und gesellte mich nach einem fröhlichen Hallo zu ihnen. Auch die deutsche Familie lobte die Kooperative und das Essen, sie kämen öfters hierher. Ich erfuhr Spannendes von der Familie. Der pensionierte Ethnologe erforschte über Jahrzehnte Nomadentum. Jetzt begleitete er seine Tochter, die sich in ihrem Studium auf Wasser spezialisierte, auf ihren Recherchen. Die kostbarste Ressource ist jetzt schon und wird in Zukunft vermehrt ein Politikum. So erfuhr ich von ihren Nachforschungen, dass auf dem Mount Nebo mit Geo-Engineering künstlich Regen erzeugt wird. Konkret werden die am Berg gestauten Wolken, also das aufgestiegene, kondensierte Wasser vom Toten Meer, mit elektromagnetischen Wellen oder biochemischen Raketen geimpft und bleiben als Niederschlag im Jordantal. Die Wolken ziehen nicht wie einst weiter und fehlen z.B. in den benachbarten Syrien und Irak als Regen. Weltweit würde mit Geo-Engineering in den Klimakreislauf unter dem Vorwand der Forschung eingegriffen.


Bezüglich Klimaerwärmung habe ich neulich eine Doku gesehen, in der nach Bohrungen in Permaeis herausgefunden wurde, dass die aktuelle Klimaerwärmung zyklisch und nicht unbedingt menschgemacht ist. So oder so - Klima, Ressourcen und Welternährung werden uns sehr in Beschlag nehmen. Ist Geo Engeenierung ein Fluch oder ein Segen? Gibt es einen Masterplan oder wurschtelt jedes Land vor sich hin? Ist es bedenklich oder sinnvoll, dass Technologien in den Händen globaler Konzerne sind? Habe ich kleiner Furz im Universum wirklich einen Impact auf das Klima? Wie wäre es, wenn wir Mutter Erde als lebendiges Organ, die Intelligenz der Pflanzen und das Schwarmwissen der Tiere mit in die Zukunftsplanung einbeziehen würden?


Die Karawane zieht weiter und ich habe auf der Reise viel Zeit zum Nachdenken...


20./21. März 2023






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